Über Jazz

eine kleine Polemik.

Sollten einige der aufgestellten Behauptungen der Wahrheit entsprechen, so ist dies nur zufällig und nicht beabsichtigt.

Der Jazz ist tot, verdammt noch mal! (Miles Davis). Miles Davis ist auch tot, xxxxxxxxxx (zensiert). So viele andere Jazzer sind tot: Louis Armstrong, Duke Ellington, Fats Waller, Opa Hirchleitner, Orgelschmidt.... Jazz ist ein nervtötendes Gedudel. Jazz, ist das nicht so eine Art von Musik mit Banjo und Tuba, zu der man Bier trinkt? Was für eine Ahnung von Jazz haben die Menschen heutzutage? Die Jugend, deren Geschmack durch den akustischen Müll der Musikindustrie verdorben ist, kennt ja nicht einmal mehr die Beatles! Doch wir Jazzfans, die ein einsames Leben fristen, da wir ja so weit verstreut in aller Welt sind, dass wir nur per e-mail oder, wenn es hoch kommt, per Telefon kommunizieren, ja wir haben doch den wahren guten Musikgeschmack! Jazz ist ein Lebensgefühl, und wir blicken voller Mitleid auf diejenigen herab, die für Jazz nichts übrighaben oder gar von seiner Existenz wissen!

Doch wie steht es mit den Jazzfans? Deren Durchschnittsalter liegt heute zwischen 70 und Scheintot. Und dann deren Intoleranz: Legt man eine CD auf, fangen die anderen an zu mäkeln. Für die einen hört der Jazz 1945 auf, für die anderen beginnt er bei 1945. Mitunter stehen sich die Lager sogar regelrecht feindselig gegenüber. Da gibt es die Gary-Burton-Fans, für die Lionel-Hampton ein Steinzeitmusiker ist, oder die, die die Musik von Dave Brubeck als "Studentenjazz" abqualifizieren usw. Und das sind nun erwachsene Menschen! Und dann haben sie auch noch Schallplatten. Das sind die großen schwarzen Plastikscheiben mit dem Loch in der Mitte, für die man einen Schallplattenspieler benötigt, um sie hörbar zu machen (Zur Not tut es auch ein Drehschemel, eine Nähnadel und eine Postkarte)! Doch auch die alten Jazzfans gehen durchaus mit der Zeit. Sie haben auch (notgedrungen) CD- Spieler und Internet- Zugang. Bei letzterem gibt es jedoch eine große Mehrheit, die sich vehement dagegen sträubt.

Zur Erinnerung: Jazz entstand in den Sümpfen des Mississippi- Deltas in einer multikulturellen Ursuppe. Jede Nation brachte seine Musiktradition ein. Und eines Tages war der Jazz da. Seine Anfänge liegen im Dunkeln, sie wurden nicht auf Tonträgern dokumentiert. Warum eigentlich nicht? Bereits 1899 wurde ein brasilianischer Samba auf eine Grammophonplatte geritzt, und die Aserbaidjanische Volksmusik wurde so festgehalten. Doch für den Jazz im Mississippi- Delta schien sich niemand zu interessieren! Etwa wie die Vertreibung aus dem Paradies erfolgte die Vertreibung der Jazzmusiker aus New Orleans, als bei Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg das Vergnügungsviertel Storyville geschlossen wurde. Danach begann erst die Dokumentation des Jazz auf Grammophonplatten, und erst so wurde seine Popularität und Verbreitung möglich. Hatte doch jeder Jazzmusiker seinen persönlichen Ton, der allen akademischen Traditionen spottete, dass es den alten verknöcherten Musiklehrern die Fußnägel aufrollt, da er nicht in der bekannten Notenschrift festgehalten werden konnte. Und mit der Zeit entstand eine Vielfalt an Stilen, wie es bei Hunden von Straßenkötern aus Travemünde (da gibt es eine große Promenade) bis zu den edelsten Rassen gibt. Zwar war nicht alles Jazz, was an Unterhaltungsmusik gemacht wurde, doch alles war mehr oder weniger vom Jazz durchdrungen. Eine Unzahl an schönen Melodien entstand, die Songtexte waren geistreich und witzig, doch wo ist dies alles geblieben? Wo blieb die Musik eines Benny Goodman oder Nat 'King' Cole mit ihrer geschliffenen Eleganz?

Wenn man Erzählungen von Jazzmusikern hört, ist es dem Jazz eigentlich nie gutgegangen. Die Musikindustrie jedenfalls kennt nur ein Kriterium für "gute Musik", nämlich dass sie Geld einbringen muss. Vor der Rock-and-Roll-Ära konnte man dies offenbar auch mit Jazz, denn viele Major- Labels wie RCA oder Columbia hatten eine reichhaltige Jazzproduktion, von der sie heute noch zehren. Doch in der heutigen Zeit, in der es durch Fusionen nur eine kleine Zahl an Musikkonzernen gibt, die man an einer Hand abzählen kann, scheint mehr denn je zu gelten, dass die Maxime das Geld ist, das eine Kunst einbringen soll, und das auch in kurzer Zeit (das sog. "schnelle Geld"). Und getreu dem Ausspruch des amerikanischen Zirkuskönigs B.T. Barnum, nach der der Geschmack des sog. "breiten Publikums" nicht schlecht genug eingeschätzt werden kann, überrollt eine Welle von Erzeugnissen, die Musik sein soll, der die Melodie abhanden gekommen ist, die Welt und verdrängt jene Nischenprodukte, zu der auch der Jazz zählt, die aber das Leben so schön und bunt machen. Stellen Sie sich vor, es werden alle exotischen Spezialitätenrestaurants abgeschafft, und Sie müssen nur noch zu Burger King oder McDonalds! ,Abbey Lincoln bezeichnete einmal die Beatles als "späte Rache der Engländer an die Boston Teaparty" (mit der der amerikanische Unabhängigkeitskrieg begann). Sie sagte es voller Bitterkeit und fügte hinzu: "Sie haben sie geschickt, um uns kaputt zu machen." So wurde der Jazz in ein Nischendasein gedrängt. Er war aber noch quicklebendig, da viele der Pioniere noch am Leben waren und fleißig Musik machten.

Der Tod des Jazz begann damit, als in den ersten Musikhochschulen Studiengänge in Jazz eingeführt wurden und der Jazz im Musikunterricht der allgemeinbildenden Schulen auftauchte. Vorbei sind die Zeiten, als man am ersten Ton solche Giganten wie Coleman Hawkins, Earl Hines, Count Basie, Louis Armstrong, Ben Webster, Johnny Hodges etc. erkennen konnte; Musiker, die keine Musikhochschule gesehen hatten. Die nachgewachsene Generation verlor ihre Individualität in den Musikhochschulen, in denen sie eine brillante Technik erlernten, aber die man (jedenfalls ich nicht) nicht mehr voneinander unterscheiden kann. Sofern es überhaupt noch Major Labels gibt, die Neuproduktionen anbieten, die man auch nur annähernd als Jazz bezeichnen kann, bieten sie eine Musik an, die zwar handwerklich perfekt ist, aber so lebendig wie der Stuttgarter Pragfriedhof bei Nacht ist. Zwar gibt es (noch) jede Menge an Jazz auf Tonträgern zu kaufen, doch meist sind es "Reissues" aus dem riesigen Fundus, die die heutigen Musikkonzerne von ihren geschluckten Labels geerbt hatten. Und bei genauerem Hinsehen ist auch dieses Angebot nur recht schmalspurig. Meist werden CDs mit Musik von ohnehin bekannten Jazzgrößen angeboten, die sowieso jeder ernsthafte Jazzfan kennt, doch es schlummern in den Archiven noch so manche Schätzlein, die zwar für den Puristen kein richtiger Jazz sind, aber schlichtweg dem Vergessen anheim gefallen sind.

Und was ist mit den Rundfunkanstalten? Glücklicherweise haben wir in Deutschland auf Grund unserer föderalen Struktur eine vielfältige Rundfunklandschaft; so haben einige Rundfunkanstalten wie der NDR, WDR und HR eigene Big Bands (es gibt auch eine SWR- Big Band; diese ist aber ein eigenständiges Wirtschaftsunternehmen und erhält Aufträge vom SWR für dessen 4. Programm, ist also mit Jazzproduktionen nicht im Radio zu hören), die sehr gute Musiker beschäftigen und teilweise auch hörenswerte Musik produzieren. Doch Sparzwänge haben dazu geführt, dass das Mäzenatentum der Rundfunkanstalten z.B. bei Jazzfestivals stark eingeschränkt wurde. Hinzu kommt, dass die verantwortlichen Redakteure teilweise keine Ahnung vom Jazz haben und meinen, er finge erst 1990 an. Außerdem besteht eine mangelhafte Koordinierung. Der Jazz ist meist auf die ganz späten Abendstunden (oder die ganz frühen Morgenstunden) verbannt, es gibt viele Überschneidungen. Aber es gibt auch einige hörenswerte Sendungen wie z.B. die "Classics" Samstags auf NDR-Info oder "Hot Jazz", Samstag abends auf Nordwestradio, die auch noch alten Jazz bringen. Da die Moderatoren meist selbst eine liebevoll gepflegte Plattensammlung haben, kann man dort auch Musik weit abseits des allgemeinen Mainstreams hören. Lobenswert der staatliche Französiche Rundfunk. Auf seinem E- Musikkanal "France Musiques" gibt es jeden Freitag ab 23,00 Uhr zwei Stunden Live- Jazz, meist direkt aus einem Pariser Jazzclub übertragen! Da können sich die deutschen Rundfunkanstalten eine Scheibe abschneiden!

So lasst Euch nicht verdrießen! Zum Glück riecht die Leiche nicht schlecht, auch hört sie sich vortrefflich an. Ärgert Euch nicht gegenseitig bezüglich Euer Präferenzen, sondern trefft Euch häufig, hört auch mal Musik abseits vom Tellerrand Eures eigenen Geschmacks, besucht Jazzkonzerte undsoweiter. Für Euch habe ich diese Website eingerichtet. Wenn Ihr wissen wollt, was für Musik ich habe, könnt Ihr die Dokumentation darüber herunterladen und meinethalben auch die Nase rümpfen. Über eine Rückmeldung per e-mail würde ich mich freuen!

Mittlerweile mache ich Sendungen von meiner Musiksammlung in "Freies Radio Freudenstadt". Zwar hört sie kein Schwein an, doch sie soll mein bescheidener Beitrag sein, diese wundervolle Musik nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Bei 60 Minuten Sendezeit pro Woche reicht mein Vorrat für ca. 190 Jahre.

Keep swinging!